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Gabriele Folz-Friedl

Wie man wird, was man ist

Der vorliegende Katalog präsentiert eine Auswahl aus Arbeiten einer bemerkenswert vielseitigen Küntlerin, deren Schaffen neben dem hier gezeigten Schwerpunkt Malerei, außerdem ein vielfältiges graphisches und plastisches Werk umfasst.

Die innere Verwandtschaft mit Künstlerpersönlichkeiten der Geschichte lässt sich in ihrem Oeuvre immer wieder nachweisen. Genannt seien hier zum Beispiel De Chirico, Ensor, Lassnig, auch Picasso. In dem früh entstandenem Kassandrazyklus ist vor allem auch der Einfluss Max Beckmanns sichtbar: in seiner fast aggressiven Betonung der Umrisslinie, der starken Plastizität, dem Streben nach Monumentalität, sowie seiner Verwurzelung im Mythischen.

Die Eigenständigkeit der Künstlerin zeigt sich aber trotz dieser stilistischen Beeinflussung bereits in dem , künstlerischen Aufbruch signalisierendem, Zyklus von der tragischen trojanischen Seherin, der durch seine intensive Vorstellungskraft, seine bildnerische Wucht und, ja – auch den Mut zum Pathos überzeugt. Auch die feministische Komponente ist unübersehbar, wenn auch nicht ausschließlich bestimmend, und wird sich in ihren späteren Bildern, wenigstens implizit und mit anderen Belangen zumindest gleichrangig, auch nie verlieren.

Es gehört schon Mut dazu, in einer im Grunde ästhetik- und bilderfeindlichen Moderne auf einer differenzierten Bildhaftigkeit zu beharren. Paradoxerweise manifestiert sich der Zeitgeist unter anderem vor allem in einer geradezu exzessiven Überschwemmung mit Bildern, aber eben mit Bildern, die der ausschließlich primitiven, konsumhaften Darstellung und Deutung alles Lebendigen Tribut zollen und im Gegensatz dazu gleichzeitig der beliebigen, sinnenfeindlichen und zuweilen sinnfreien, eigentlich anti-ästhetischen Darstellung in der Kunst huldigen. Dem Betrachter wird hiebei nicht nur die Rolle des intellektuellen und empfindenden Wahrnehmers des Kunstweirks zugesprochen, sondern er wird in Teilen zu dessen Ergänzer und sogar eigentlichen Schöpfer ermächtigt, indem dieses ohne sein Dasein, und ohne die Existenz eines ganz bestimmten räumlichen und gesellschaftlichen Umfelds, eigentlich keine Autonomie, beziehungsweise nur eine fragwürdige bis gar keine Existenz besitzt.

Im Verlauf der nächsten Jahrzehnte erweisen sich mehrere signifikante Stränge von Romana Hostnigs Schaffen als mehr oder weniger bleibende Konstanten. Da ist zum einen die nie nachlassende Faszination durch den (vor allem antik- klassischen) Mythos, da ist das Spiel mit antropomorphen Formen (anfangs zum Teil inspiriert von Lassnig, aber später sich immer mehr zu eigenständigen Formen emanzipierend), da sind die Bildfindungen und -erfindungen, die man romantisierend nennen möchte, die Rätselhaftigkeit sowie häufig eine Art feierliche Verträumtheit ausstrahlen,da sind die sozialkritischen Grotesken, die bisweilen an Georg Grosz erinnern, und last, aber beileibe nicht least, die ständige Beschäftigung mit dem eigenen Portrait, mal als forschende Auseinandersetzung mit dem verletzlichen oder problematischen Ich, mal als spielerische Umkreisung des eigenen Seins, garniert mit Tieren oder Pflanzen und zuweilen auch als verklärende Idealisierung, die ins Typische gehoben wird.

Nicht vergessen werden soll auch der – oft grimmige – Humor, der in vielen Werken zum Ausdruck kommt, der auch noch die schrillsten Szenen und die grausigsten Verstümmelungen mildert und sich geradezu als Kennzeichen durch ihre Werke zieht. Dies sicherlich als eine Art „comic relief“ zu verstehen, die auf solche Weise eine eigentlich unerträgliche Welt gerade noch erträglich macht, was ja auch die eigentliche Funktion des Lachens an sich ist – auch wenn es einem zuweilen im Halse stecken bleibt.

Die originärsten Bildschöpfungen, vor allem ihrer späteren Jahre, scheinen sich direkt aus dem Unterbewusstsein zu speisen. Hier scheint die Künstlerin völlig zu sich gefunden zu haben. Man registriert den zunehmenden Verzicht auf überflüssige illustrative Elemente, die Reduktion auf das Wesentliche bis hin zum schlechthin ikonografischen. Manche Werke muten an, wie zum Beispiel „Der Traumfänger“ oder „Gastfreundschaft“, als seien sie direkt dem kollektiven Unterbewussten C.G.Jungs entstiegen und treffen auf diese Weise direkt den Nerv des Betrachters. Dass solcherart der intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk nicht unbedingt der Vorrang eingeräumt wird, geschieht mit voller Absicht – ebenfalls wider den herrschenden Zeitgeist, der dieser Form der künstlerischen Äußerung vorwiegend mit Verständnislosigkeit und nicht selten mit einer Haltung snobistischer Verächtlichkeit begegnet.

Gastfreundschaft
Der Traumfänger

Es ist aber das grundlegende Vorrecht jeder künstlerischen Produktion, dass sie „direkt auf die Nerven geht“, den Betrachter unmittelbar anspringt, dass sie mit der ästhetischen Gewalt ihrer Umsetzung beeindruckt oder sogar erschüttert, noch bevor das Werk nach seiner Sinnhaftigkeit befragt werden muss, noch bevor ausgedeutet, interpretiert und der oder jener theoretische Überbau konstruiert werden muss.

Goethe meinte einst sinngemäß in seinen Gesprächen (Eckermann?) in dieser platten Erklärungssucht und Theorielastigkeit ein spezifisch deutsches Übel zu erblicken, um dann seinerseits der unmittelbaren Fähigkeit, sich beeindrucken, sich rühren zu lassen, ja sogar der erhebenden Erschütterung, das Wort zu reden und den Vorzug zu geben. Inzwischen ist aber unübersehbar, dass es sich keineswegs ausschließlich um ein deutsches, sondern um ein globales Übel handelt, um eine fatale Einseitigkeit und Verarmung, die sich nicht an Faust, sondern an dessen kleinlichem Famulus Wagner orientiert, wie denn folgerichtig überwiegend die Mittelmäßigkeit bevorzugt wird und die Genialität und das Außerordentliche unter Generalverdacht steht – sofern dergleichen überhaupt noch eine Möglichkeit hat, sich zu manifestieren.

Sich dieser geistigen Verarmung und Entzauberung der Welt entgegenzustellen, ist, neben ihrer ästhetischen, wie auch durchaus explizit zeitkritischen Qualität, nicht das geringste Verdienst der Bilder Romana Hostnig’s.

Hans Sänger, 7. 4. 2020 (Text zu Video siehe Seite paintings)

Pandämoniom und Pandamie

Von der altgriechischen Sagengestalt Kassandra, einer trojanischen Prinzessin, heißt es, der um sie werbende Gott Apollon hätte ihr die Gabe verliehen, alles vorauszusehen, insbesondere den Untergang ihrer Vaterstadt Troja. Da sie seinem Werben jedoch widerstand und ihn nicht erhörte, fügte er seiner Gabe noch einen Fluch hinzu, der aus Kassandra eine Seherin machte, die zwar alles voraussieht, doch der keiner glaubt. Eine moderne Kassandra ist auch Romana Hostnig. In Form von verstörenden, von Dämonen wimmelnden Bildern schickt sie ihre Gesichte in die Welt, doch sie findet keinen Glauben, weil wir, Vogel Sträuße die wir nun einmal alle sind, das Verstörende lieber verdrängen, statt zu versuchen, es zu bannen, indem wir ihm in die Augen schauen. Ich möchte Romana Hostnigs malerisches Werk ein Pandämonium der Moderne nennen. Das Auge der Malerin dringt durch die Oberfläche der Schönen Neuen Welt, in der wir uns ach so komfortabel eingerichtet haben, und zwingt den düsteren Hintergrund, auf dem sie ruht, auf den Vordergrund einer Leinwand. Wozu Malerei in dürftiger Zeit?, könnte man, ein bekanntes Wort Hölderlins veriierend fragen, wenn nicht zu dem Zweck, die Tiefendimension unseres Daseins auszuloten, um sie im Werk zu gestalten und den Zeitgenossen vor Augen zu halten? Alles andere wäre nichts weiter als leere Ästhetik, wäre eitel und Haschen nach Wind. Nun hat es den Anschein, dass dasjenige an den Tag gekommen ist und nicht mehr verdrängt werden kann, was Romana Hostnig die letzten Jahre derart bedrängt hat, dass sie ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit des Malens nicht müde wurde. Die Ungeheuer, die der Tartarus birgt und die sie gesehen hat, kommen an die Oberfläche und zwingen uns Vögel Sträuße, zu sehen, was wir nicht sehen wollten. Seinerzeit brannte Troja, nun ist es ein Virus, den den Abgrund sichtbar macht, auf dem wir gebaut haben und eder uns nun zu verschlingen droht. Somit wäre das Virus der weltgeschichtliche Moment, der uns Blinde, die den Gesichten der Seher prinzipiell noch nie geglaubt haben, zwingt, dem Licht Apollons, also der Wahrheit, standzuhalten, und sei es nur für einen kurzen Augenblick.

Gabriele Folz-Friedl, Ausstellung am 13.3.2019 Wien, Galerie Nuu

In Romana Hostnigs Bildern verbinden sich bestimmte Stilformen der Kunstgeschichte mit vielfach divergierenden, sich überschneidenden Ebenen zu einem immer wieder überraschenden Ganzen. Sind ihre künstlerischen Hervorbringungen in der zeitgenössischen Kunst kaum schlüssig einzuordnen (leben sie doch geradezu von ihrem Aussenseitertum), so ist auch innerhalb ihrer Werke eigentlich kein einheitlicher, durchgehender Stilwille auszumachen. Wohl aber sind festzustellen und vorhanden immer wiederkehrende und immer wieder aufgenommene Elemente, die sich verschiedenster Formensprachen bedienen und diese variieren, adäquat zu ihrem jeweiligen Gegenstand. Eine Spannweite vom Symbolismus oder auch vom Surrealismus wie zum Beispiel de Chiricos bis hin zur neuen Sachlichkeit, zum Beispiel der sozial- und zeitkritischen Satire eines George Grosz. Wenn man sich einmal vorbehaltlos auf all diese möglicherweise irritierende Vielfalt eingelassen hat, so erkennt man doch unschwer ein einigendes Band: es handelt sich um ein endloses, beunruhigtes („die beunruhigten Musen“) Zwiegespräch mit den in ihrer Unübersichtlichkeit und Rätselhaftigkeit quälenden Erscheinungen des Daseins. Jedes Bild ein Lösungsversuch in der nur dafür als passend „vorgefundenen“ Sprache – bis auf Widerruf. Der Felsen des Sisyphos, mal auf die eine, mal auf die andere Art gestemmt und weitertransportiert, ein kurzes Eratmen bis zum nächsten Mal. Die unbekannten Räume, die sich auftun … nur um sich jedes mal zu anderen Räumen zu öffnen und wieder zu schließen, ohne dass ein Ende dieses Prozesses je abzusehen wäre. Das Traumhafte – meist Alptraumhafte – das hinter jeder sogenannten Realität wartet – die faszinierende und verstörende Wirklichkeit hinter Tag und Raum, die stets erneute Stellungnahme verlangt.G

Christa Wolf, Schriftstellerin, Berlin, 1988
Zufällig wird für nächstes Jahr ein Buch vorbereitet, in dem die Rezeption meines Kassandra-Materials dokumentiert werden soll….Genauer würden Sie natürlich noch über den Herausgeber informiert werden.
Ich glaube, dass Ihre Bilder zu den eindruckvollsten in dem Band gehören werden.

Dr. Virgilio Boccardi, Venedig, 1999
Als italienischer Kritiker kann ich bei der Betrachtung der Gemälde von Romana Hostnig nicht anders, als an den großen Savinio denken, den großen Surrealisten und an die Metaphysik des Bruders Giorgo de Chirico. Die Wurzeln ihrer Malerei grundieren im Unbewussten. Mit den Jahren schaltet sich der malerische Diskurs von Romana Hostnig in den Wechsel der phantastischen Kunst, in ganz persönlicher Art.
In ihr ist ein Wille zum Erzählen, diktiert von einer phantastischen Unruhe und einer Komponente des Traums. Die antike Welt, die klassische Mythologie sind Realität, die in ihr als mächtige Stimulanz für ihre Inspiration agieren. Ihre Welt ist eine magische Welt, wo man nicht weiß wo die Fiktion endet und wo die Realität beginnt.
Auch die Farbe ist in Funktion der psychologischen Charakterisierung, so z.B. bei Prometheus und auch in den Portraits, wo Romana Hostnig mehr als die ästhetische Treue des Modells interessiert, sondern vielmehr die vitale Essenz der Persönlichkeit, indem sie die Seele zu enthüllen sucht.

Prof. Eva Kollmann, Kunsterzieherin, Bregenz, 2002
Die Bilder von Romana Hostnig besitzen große Aussage- und zeugen von beachtlicher Vorstellungskraft. Hinter den Werken erkenne ich eine Künstlerin mit starkem Willen und Durchsetzungsvermögen, einem weiten geistigen Horizont und großer künstlerischer Bandbreite, die sich schwer irgendwo einordnen lassen. Ihre Bilder beeindrucken durch Eigenständigkeit und Originalität und wecken im Betrachter Neugierde und die eigene Interpretationsfähigkeit, sie sind authentisch, wahrhaftig und unterwerfen sich keinem gängigen Publikumsgeschmack.

Gabriele Folz-Friedl, Wien 2009
Romana Hostnig’s Werke sind nicht ganz leicht in den zeitgenössischen Kontext einzuordnen. Sie fallen in gewisser Weise aus diesem heraus. Da ist nicht nur der unverkennbare Bezug zur Mythologie, der sich, so verschieden sie auch sein mögen, durchzieht. Andere Werke wiederum scheinen den direktesten, in seiner Krassheit kaum mehr steigerbaren Ausdruck extremer psychischer Befindlichkeit anzustreben in Bildern mit kühn deformierten, teilweise zerstückelten Körpern, in überraschenden, bedrohlich wirkenden Deformierungen bis hin zu nackter Aggression, die Körperteile in wuchtigen Messerklingen, in Säbeln oder gar Schusswaffen enden lässt.
Der Künstler der Moderne ist gezwungen, seine eigene Mythologie herzustellen, sozusagen eine Privatmythologie, da er nicht länger selbstverständlichen Zugriff auf einen allgemeinverbindlichen zeitgenössischen Mythos hat. Aus dieser Welt scheinen auch die eigenartigen stilisierten Wesen zu kommen, die zwischen Mensch und Tier angesiedelt sind, oder sich als antropomorphe Zwischenwesen in spielerischer Art über die Bildfläche räkeln.


Werner Krause, ehemaliger Kunsterzieher, Wien
Romana Hostnig schafft archaisch kraftvolle Figurationen statt einfacher realistischer Abbildungen, bleibt in Verfremdungen und Abstraktionen dennoch stets konkret. In ihren Arbeiten konzentriert sie sich mehr auf subjektive Wahrnehmungen und Befindlichkeiten, als auf das objektiv Sichtbare.So sind es immer wieder Personen aus dem Alltag der Künstlerin, oder allegorische, mythologische,zuweilen auch historische Figuren, denen symbolische Bedeutung zur Gegenwart anhaftet. Selbstportraits, oft angereichert mit surrealen Elementen, die eine eigenartige und ganz spezifische Schwebe zwischen Nähe
und Fremdheit hervorrufen. Sie zeugen von einer ausgepräten Gefühlswelt, die das ganze Spektrum physischen und psychischen Empfindungen widerspiegelt. Intuitiv setzt die Künstlerin Farben ein, um Zustände und damit verbundene Assoziationen ausdrücken.

Fabrizio Beccelli, Milano, 2016 Filmemacher
Eine vielschichtige Kohärenz zeichnet sich in ihrem umfangreichen Werk ab, nicht auf formale Wiederholungen beschränkt, sondern gleichzusetzen mit einer atavistischen Matrix, die ihrer ureigenen Vorstellungskraft und ihrem unverwechselbaren künstlerischen Ausdruck entspricht. Romana Hostnig bleibt ihrem Stil treu in der Umsetzung ihrer Ambitionen- in ihrem Beharren auf das Unverfälschte, abseits von modischen Einflüssen, quasi „naiv“ – im etymologischen Sinn von „ursprünglich“.
Ursprünglich und gewalttätig gegen Material und sich selbst im unermüdlichen Schaffensprozess. Denn es bedarf des schöpferischen Aktes, der auf die Möglichkeit der Selbstverwirklichung einwirken muss, um sie in einem Zustand des tatsächlichen Seins anzunähern. In Anlehnung an Aristoteles begreift Romana Hostnig die Kunst als aktive Potenz, als Energie, als wirkende Kraft.