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Ausstellung „Kassandra“. 15.1. 2020 Galerie Werkstatt Nuu, 1090 Wien, Wilhelm Exnergasse 15, Vernissage 19 Uhr

Kassandra

„Keine andere mythologische Figur der Antike besitzt die Aktualität – zumindest für die Frauenbewegung – dieser tragischen trojanischen Königstochter. Kassandra steht als Torhüterin auf der Schwelle zwischen Mythos und Moderne.

         Die Tragödie einer Frau, die zuviel weiß, zuviel sieht  und schonungslos benennt, was sie sieht: die Verblendung ihrer Mitmenschen, den Untergang ihres heimatlichen Stadtstaates, den Untergang ihrer Welt, für sie die ganze Welt und damit durchaus mit apokalyptischen Dimensionen versehen.

Obwohl sie die einzelnen Stationen und Schlüsselereignisse dieser Katastrophe präzise vorhersagt, findet sie keinen Glauben, verzweifelt und zerbricht daran.

         Der Tryptichon Romana Hostnig’s zeigt dieses Gewahrwerden und Benennen in visionärer und verschlüsselter Form.

         Da steht Kassandra atemlos und bannt auf Leinwand, was sie sieht: Die Attribute des Krieges, Helm und zustoßender Speer, der zermalmende Stiefel der Gewalt, der in einen wütenden Wolfsschädel mündet. Das mythische Königspaar, der König versteinert und stumm, den Schlüssel in der Hand, mit dem er nichts anzufangen weiß. Seine Königin, wehrlos, der ein affenhafter Finsterling das Gewand herabreißt – als Vorbote der künftig zu erleidenden Gewalt.

         Und: die gefesselte Kassandra, die trotz der Binde um ihre Augen eine hilflos Sehende ist, eine Seherin, von zwei Rabenwesen überschattet, die ihr wie zum Hohn den Schlüssel vorhalten, den einzig sie zu gebrauchen wüsste, und der doch nicht mehr zu brauchen ist: zu spät! Es war schon immer zu spät…“

                                                                                                   Gabriele Folz-Friedl